Was ihr noch wissen solltet

Nach dem Schock der Vergewaltigung ist das Gehirn hilflos. Es läuft immer wieder der gleiche Film des Erlebten ab. Der Körper fällt in eine Starre und Lähmung. Freigesetzt wird Adrenalin und Noradrenalin durch das sympathische Nervensystem im Stammhirn und Rückenmark. Ist eine Flucht nicht möglich, wird das parasympathische Nervensystem aktiv.

Viele Hormone lassen uns vibrieren und Darm und Blase entleeren sich. Die Vergewaltigung führt zu einer veränderten Hirnstruktur, denn da sie mit großem Schrecken und Angst einhergeht, brennt sich das in die Hirnstruktur ein. Die Stresshormone, welche in großer Anzahl ausgeschüttet werden, führen zur Veränderung der Hirnstruktur. In jeweiligen Hirnregionen kommt es zu schweren Erschütterungen, ausgelöst durch Angst und Schrecken.

Die Vergewaltigung in Worte zu fassen ist ein wichtiger Schritt. Durch immer wiederholten Reden darüber verliert das Erlebte, nach und nach, in kleinen Schritten, den Schrecken. Es ist auch wichtig die Vergewaltigung gedanklich durchzuarbeiten und damit zum Abschluss zu bringen. Das Zusammensetzen der Erinnerungsfetzen zu einem vollständigen Puzzle ist wichtig. Das dauert aber viele Therapiestunden und braucht sehr viel Geduld.

Wird die Vergewaltigung nicht verarbeitet, setzt ein Schlüsselerlebnis die Alarmanlage in Gang. Bisweilen kann die gesamte Symptomatik erst Jahrzehnte später auftreten, wenn ähnliche Situationen (Erleben, Berichte) die verdrängten Erlebnisse wieder wachrufen. Hier ist der Gang in eine Fachklinik wichtig zur Stabilisierung. Das braucht viel Zeit und Mut.

Desweitern ist der Erfahrungsaustausch von großer Bedeutung. Das kann in Gesprächsgruppen sowie in Selbsthilfegruppen stattfinden.

Kleine Mädchen und Jungen haben ein großes Potential in der Verdrängung. Bis zum Ausbruch der Erinnerung vergehen Jahrzehnte. Etwa 50% der Opfer entwickeln nach dem Trauma eine Belastungsstörung. Auch psychische Erkrankungen sind an der Tagesordnung. Bei Kindern kommt es zu langanhaltenden und tiefgreifenden Störungen.

Das Risiko einer Suchterkrankung ist hoch. Bei Opfern ist der Krankheitsverlauf sehr schwierig und hat oft Alkohol- und Drogenabhängigkeit zur Folge. Fachärzte sollten künftig vermehrt auf Traumatisierungen achten.

Laut Studie vom Familienministerium von 2004, erleidet jede siebte Frau eine Vergewaltigung. Das sind die bekannten Zahlen, jedoch die Dunkelziffer ist erschreckend höher. Meine Erfahrung in Kliniken ist, dass 35% der Mitpatientinnen Vergewaltigungsopfer sind. Das sind Zahlen von Aufenthalten in Fachkliniken in den Jahren 2000-2008.

Ich habe noch eine Erfahrung anzubieten. Jede dritte Mitpatientin war Gewaltattacken ihres Mannes (Partners, Ehemann) ausgesetzt. Auch diese Frauen sind Opfer und traumatisiert.

Die wirtschaftlichen Schäden durch Trauma-Opfer sind enorm. Die Schäden beinhalten nicht nur die stationären Behandlungen, die sich über Monate und Jahre hinziehen kann, sondern auch die Nachsorge, spezieller Therapien und die Frühverrentung.

Die Grundsteine für Täter werden oft in der Erziehung gelegt. Es gibt zu viele Täter, die mit der Sexualität nicht umgehen können, weil ihnen dies nicht erklärt wurde. Ich bitte um einen natürlichen Umgang mit der Sexualität. Auch das gehört zum Mensch sein.


WIR SCHAFFEN ES.


06.11.2008

 
momagi_schriftzug