Buchauszüge



Schriftzug Momagi


SEELENLOSE



Ein Leitfaden für Vergewaltigungsopfer



Die Vergewaltigung, der sexuelle Missbrauch und seine Auswirkungen.

Liebes Seelchen während Du vergewaltigt und sexuell missbraucht wirst steigt Deine Seele aus dem Körper aus. Sie kann diese Gewalt nicht verkraften und ertragen. Deine Seele und Persönlichkeit spalten sich und in diesem Moment hast Du keine Verteidigungsmöglichkeit mehr, weil die Seele mit Spalten und Aussteigen beschäftigt ist. Achtung! hier wird auch Dein Wille gebrochen.

Es brennt sich ein unsagbarer, nicht zu beschreibender Schmerz in der Seele ein, der im Laufe Deines Lebens aktiv wird, sich manifestiert und verselbständigt. Der Schock ist groß und hält jahrzehntelang an.

Du möchtest während der Vergewaltigung weglaufen; das geht aber nicht. Aus dieser Situation heraus entsteht eine nicht zu ertragende Elektrizität in den Beinen. Begleitet wird dies von dem Gefühl: „Weglaufen und nicht können“. Es gibt Zeiten, da leben Deine Beine ihr eigenes Leben. Du findest keine Ruhe, Deine Beine wollen laufen und Du kannst vor lauter Erschöpfung nicht. Diese elektrischen Impulse treten auf, wann immer sie wollen. Die Unerträglichkeit liegt vor Allem darin, weil man nicht mehr schlafen kann. Du hast das Gefühl „durchdrehen“ zu müssen. Das brennt Dich aus und Du bist nur noch fertig. Du bist nervlich am Ende. Diagnose „Restless Legs Syndrome“? Denke nach, ob Du vergewaltigt wurdest? Während der Vergewaltigung spalteten sich Deine Seele und Deine Persönlichkeit. Du bist nicht mehr Du. Deshalb musst Du Dir eine neue Identität erarbeiten. Das ist schwer, aber möglich. Suche Dir eine gute Therapeutin und neue Menschen in Deinem Umfeld. Erarbeite Dir Deine neue Identität in kleinen Schritten.

Habe Visionen, was Du erreichen möchtest. Hole fachliche Hilfe in psychosomatischen und psychiatrischen Kliniken. Gehe mindestens einmal im Jahr für vier bis sechs Wochen in eine dieser Kliniken.


Aufarbeitung und Auswirkungen.

Was Du über die Aufarbeitung wissen solltest ist folgendes: Die Seele bereitet sich gut vor, wenn es zum Ausbruch der Vergewaltigungserinnerung kommt. Du bist Monate lang in euphorischer Stimmung. Die Seele lässt Dich nicht im Stich. Sie allein lässt es zu, dass Du die Vergewaltigung noch mal erlebst. Wenn dieses Erleben durchgestanden ist, hast Du die Möglichkeit, die Vergewaltigung auf eine andere Ebene zu stellen. Bitte habe keine Angst davor. Deine Seele lässt nur so viel zu, wie Du verkraften kannst.

Wenn Du vergewaltigt wurdest, hast Du kein Vertrauen mehr für und in Deine Mitmenschen. Es folgt im Laufe der Jahre der soziale Rückzug. Das ist ein schleichender Prozess. Auf einmal hast Du keine Freunde mehr. Du erleidest bei Menschenansammlungen Panik- und Angstattacken. Du bist nicht mehr in der Lage „Außerhausaktivitäten“ wahr zu nehmen. Wenn Du das erkannt hast bist Du einen großen Schritt weiter.

Vergewaltigte Seelchen leiden in ihrem Leben an der „Sprachlosigkeit“. Es ist mit Worten nicht zu beschreiben. Ebenso wirkt sich die Mundtrockenheit, in „Mir bleibt die Spucke weg“, „Mir zieht es die Spucke weg“, aus. Die Mundtrockenheit ist enorm. Du musst ständig Wasser trinken damit Du reden kannst. Unter diesen Umständen kannst Du auch Alkoholikerin werden. Denke darüber nach.

Die Vergewaltigung macht sprachlos. Die Seele nimmt sich das Recht sprachlos zu sein und schließt die Vergewaltigung als Geheimnis ein. Die Seele wirft auch den Schlüssel weg. Es dauert unter Umständen Jahrzehnte bis Du darüber sprechen kannst.

Beginnst Du darüber zu sprechen, rechne damit, dass Du stotterst, Dir das Herz vor Angst aus dem Körper hüpfen möchte, Dir übel wird vor lauter Drehschwindel, sich ein großes Ekelgefühl mit Würgereiz und Erbrechen breit macht, Du plötzlich keine Kraft und Vitalität mehr hast, Du keine Menschen mehr ertragen und riechen kannst und Du nicht mehr leben möchtest.

Kalkuliere auch eine nicht zu begreifende Unsicherheit ein, die Dir in verschiedenen Lebenssituationen Schwierigkeiten bereitet. Groß wird diese Unsicherheit wenn Du Dir der Vergewaltigung nicht sicher bist. Fand die Vergewaltigung unter Drogen, Alkohol oder Ko-Tropfen statt, läufst Du jahrelang mit vernebeltem Hirn durch die Gegend und weißt nicht warum. Auch Drehschwindelattacken sind eine üble Auswirkung dessen. Rechne auch damit, dass ein Leben mit Suizidgedanken mehrere Jahre dauern kann. Du möchtest lieber sterben als reden. Wenn Du keine Therapie machst landest Du früher oder später bei der Ausführung des Suizids. Ich bitte Dich an dieser Stelle, tue es nicht. Kein Vergewaltiger oder Täter ist es wert, dass Du Dein Leben und Dich selbst aufgibst. Suche fachliche Hilfe und nimm sie an.

Die Vergewaltigung macht auch hilflos und orientierungslos. Bitte Freunde um Begleitung, wann immer Du dies brauchst. Stelle Dich darauf ein, dass dieser Zustand einige Jahre dauern kann, aber es bessert sich. Du kannst stolz auf Dich sein, wenn Du das erste Mal, und das alleine, einkaufen gehst, ein Kino oder Café besuchst. Hier möchte ich Dich herzlich drücken und Dir gratulieren. Freue Dich darüber, dass Du es geschafft hast.


Reden und Folgen.

Hier möchte ich einen Moment bei den Partnern der Überlebenden und Opfern verweilen. Ich habe großen Respekt vor der Geduld, die ihr habt. Es ist nicht einfach mit uns Opfern zu leben. Weil wir so oft sprachlos sind, ist es für euch nicht einfach mit uns zu kommunizieren. Wir müssen lernen darüber zu sprechen. Was uns widerfahren ist, lässt sich nicht zwischen Tür und Angel erzählen. Oder vielleicht doch? Tun wir es, belasten wir die Menschheit damit. Bedenkt bitte, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist. Reden wir aber, bekommen die Täter ein großes Problem, aber eventuell auch wir Opfer. Würden alle Vergewaltigten ihre Täter beim Namen nennen, wie viele könnten ihre Wohnung und ihr Haus nicht mehr verlassen. Wie viele Arbeitsplätze stünden dann uns Opfern zur Verfügung? Bedenkt bitte, wenn wir Opfer uns zur Aufarbeitung entschieden haben, ist dies eine folgenschwere Entscheidung, die Arbeitsverlust und volkswirtschaftlichen Schaden mit sich bringen kann. Wir müssen eventuell wegen der komplexen seelischen und nervlichen Erkrankung aus dem Erwerbsleben aussteigen und die Erwerbsunfähigkeitsrente einreichen. Vergewaltigungsopfer sind oft nervlich so kaputt, dass sie nicht mehr arbeiten können. Achtzig Prozent der Fälle, welche die Rente beantragen, landen vor dem Sozialgericht und müssen das bisschen Rente erstreiten. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm. Wenn wir unsere Partner nicht hätten, würden die Suizid-Opfer noch mehr werden. Wir danken euch aus ganzem Herzen für eure Hilfe, vor Allem eure Geduld. Liebe Partner, damit meine ich auch die, die sich während der Aufarbeitung getrennt haben, habt Dank für den Versuch einem Vergewaltigungsopfer zu helfen.

Wenn euch auf dem Lebensweg wieder ein Vergewaltigungsopfer begegnet, hört genau hin, was das Opfer zu sagen hat. Seid einfach nur Mensch und Freund. Vielleicht auch ein Stück weit Beichtvater oder Beichtmutter. Stellt nicht zu viele Fragen, motiviert die Opfer zu reden, denn reden müssen sie lernen wie ein Kleinkind. In ihnen ist viel zerbrochen. Den Opfern wurde als Kind die Bestätigung verweigert, dass sie einzigartig, wertvoll und liebenswert sind.

Auch wir verdienen Liebe, weil wir so sind wie wir sind. Wir bekamen nicht die Möglichkeit uns gut zu finden, stattdessen wurden wir missbraucht und vergewaltigt.


Sensibilität.

Jetzt möchte ich die Feinfühligkeit der Opfer ansprechen. Ich bin so sensibel und sensitiv, dass ich die Flöhe husten höre. In Folge dessen spüre ich die schwarzen und negativen Schwingungen von Menschen, welche nicht gut für mich sind. Dem entsprechend lasse ich nur besonders ausgesuchte Wesen nahe an mich heran. Liebe Seelchen auch ihr habt solch feine Antennen. Nutzt euer Gespür für Menschen. Ihr habt die Begabung schlechte Charaktere zu durchschauen. Reflektiert positive Gedanken in euer Umfeld. Kommen aus irgendeiner Ecke negative Schwingungen, breche sofort den Kontakt ab. Negative Schwingungen ziehen Dich runter. Das ist nicht gut, vor Allem dann, wenn eine chronifizierte Depression vorhanden ist. Lasst euch niemals mehr be- und ausnutzen. Das kann man nicht oft genug hören. Überprüfe auch Deine Nächstenliebe. Ist sie grenzenlos, dann ist sie ungesund. Gute Freunde und Bekannte haben dir was zu geben, nämlich Liebe, Freude und Zuneigung. Weg mit den Blutsaugern, die kosten wertvolle Kraft und Energie. Diese brauchst Du reichlich auf dem Weg der Aufarbeitung.


‘Lilly.

Jetzt möchte ich euch ein lieb gewonnenes Wesen vorstellen. Ich nenne sie Lilly. Ich habe sie in der psychosomatischen Klinik kennen und schätzen gelernt. Sie ist eine von uns, also ein Vergewaltigungsopfer. Sie hat keine besonders schöne Kindheit erlebt. Sie war nicht gewollt, also ein „Schwangerschaftsunfall“. Ihr fehlte die Zuneigung und Liebe ihrer Mutter. Ihre Mutter fand in ihrer Kindheit wiederum auch diese Zuneigung und Liebe nicht. Lilly war in ihrer Familie die ältere Tochter. Dementsprechend musste sie immer wieder auf bestimmte Dinge verzichten. Spielen mit ihrer jüngeren Schwester war nicht so schön. Also suchte Lilly in ihrer Nachbarschaft Spielkameraden. Sie verließ das Grundstück und ging zu den Nachbarskindern. Das hatte ihr aber die Mutter verboten. So kam es, dass Lilly trotzdem ging, ihre Mutter sie suchte und fand und derart verprügelte, dass sie einen mittelschweren seelischen Knacks davontrug. Das ganze Dilemma wurde noch verschlimmert, indem ihre Mutter sie über Nacht in den Keller sperrte, ohne Wasser und Brot. Lilly hat diese Behandlung nur schwer verkraftet. Sie hat heute noch Panik- und Angstattacken.


„Zarte Knochen brechen leise, zarte Seelen auch“.


Wenn Lilly über ihre Kindheit spricht, gerät sie immer ins stottern. Zu groß ist der Schmerz in der Seele. Er hat sich als brennender Schmerz manifestiert und ist ständig präsent. Lilly wurde in ihrer Ehe sexuell missbraucht und eine ungewollte Schwangerschaft war die Folge. Sie ließ diese abbrechen.

Während Lilly missbraucht wurde, brannte sich der Schmerz wie ein Stempel in ihre Seele ein. Während ihr Täter seinen Orgasmus hatte überrollte Lilly ein sehr starker Drehschwindel. Dieser kehrt immer wieder und hat sich verselbstständigt. Es gibt Zeiten, wo Lilly nicht alleine die Wohnung verlassen kann. Der Drehschwindel ist oft so stark, dass sie orientierungslos ist. Er kommt wie angeflogen, treibt sein Unwesen und lässt Lilly verschreckt und ängstlich zurück.


Die rote Träne

Die rote Träne, sie rollt über mein Gesicht.
Sie rollt über meinen Arm…
Sie rollt über mein Leben hinweg.
Hatte ich ein Leben?
So war es mit Schmerz erfüllt.
Hatte ich Liebe?
Ja die hatte ich.
Die rote Träne rollt über mein Leben hinweg.
Die Liebe die bleibt.
Doch der Schmerz sitzt tief.
Die Enttäuschung auch.
Ich fühle mich verletzt, einsam …
Die rote Träne, sie ist für mich da …

Liebe „kaputte Seele“ ich danke Dir für diese tiefgreifenden Zeilen. Es hat mich ganz tief im Inneren berührt und bewegt. Vielleicht lernen wir uns irgendwann kennen.

Liebe Seelchen jetzt möchte ich euch noch meine Gedanken mitteilen. Es ist möglich, dass sich Einiges wiederholt. In unserer Situation kann man gewisse Punkte nicht oft genug hören. Lasst euch motivieren.


Freunde, Geben und Nehmen.

Es ist immer wichtig über die so genannten guten Freunde nachzudenken. Sind es Freunde die nur in guten Zeiten da sind? Oder gibt es auch Freunde die Dir in unguten Stunden zur Seite stehen. Ich wünsche Dir die richtigen Freunde, die Du für die Aufarbeitung brauchst. Freunde und giftige Beziehungen können Licht und Schatten sein. Es ist auch ganz wichtig für Dich zu nehmen. Du hast in Deinem Leben immer nur gegeben. Die Anderen kamen immer zuerst und wo bleibst Du? Höre auf damit, sich für Alles verantwortlich zu fühlen. Nehmen, von Deinen Mitmenschen, ist erst einmal schwierig. Übe täglich Gefühle, Kraft und Lebensfreude zu nehmen. Tue dies ganz bewusst. Verabreiche Geben nur noch wohldosiert. Vielleicht hilft Dir der Satz: „Ich darf auch nehmen“.


Vom Opfer zur Überlebenden.

Liebes Seelchen sei stolz auf die Be- und Verarbeitung Deiner Vergangenheit. Sie war Jahrzehntelang ein großes Problem für Dich. Da sind Dinge geschehen die Dich traumatisierten. Sei froh und stolz, dass Suizidgedanken wieder verschwinden, weil Du massiv dagegen gearbeitet hast. Die Kraft welche Du hierfür investiert hast macht Dich zu einer starken Persönlichkeit. Ich drücke Dich und gratuliere Dir, dass Du es geschafft hast, diese Phasen zu überleben. Du bist vom Opfer zur Überlebenden aufgestiegen, wie Phönix aus der Asche. Um eine Überlebende zu werden muss man viel Kraft und Energie investieren. Ich wünsche Dir weiterhin die Kraft für die Aufarbeitung. Bedenke, dass es immer wieder Phasen gibt, wo man das Gefühl hat, es geht nicht weiter. Dann lass die zurückliegenden Erfolge vor Deinem dritten Auge ablaufen. Werde nicht ungeduldig. Das hemmt dich und bremst dich aus. Es gibt Phasen des Stillstandes und der Ruhe. Vielleicht ist das auch die Zeit mit Dir selbst Frieden zu schließen. Selbstvorwürfe bringen nichts. Es gibt aber auch die Möglichkeit stolz auf das Erreichte zu sein. Lobe Dich selbst. Eigenlob stinkt nicht, sondern macht froh, zufrieden und glücklich. Geize nicht mit Eigenlob, das sind Streicheleinheiten für die Seele. Lobe Dich bei jeder Gelegenheit, das beflügelt Deinen Optimismus, der ja nun leider oft gelitten hat. An dieser Stelle möchte ich ein Gedicht über Lob zitieren:


Lob wirkt auf den Geist des Menschen wie Sonnenschein;
ohne Ihn können wir nicht wachsen und blühen.
Aber weil die meisten von uns darauf versessen sind,
den Anderen mit dem kalten Wind der Kritik anzublasen, zögern wir immer wieder,
unserem Nächsten die wärmende Sonne des Lobes zu spenden.
*Jess Lair


Suche und finde gleichgesinnte Menschen die die Last mit Dir mittragen. Nutze Fachklinikaufenthalte auch zur Gewinnung von Freunden. Alle Mitpatienten haben eines gemeinsam, nämlich eine schlimme Vergangenheit und Jeder ein bisschen anders als der Andere. Mitpatienten haben großes Verständnis für die Probleme Anderer. Die gegenseitige seelische Unterstützung ist überlebenswichtig.

Schriftzug Momagi