Ich bin Momagi

Ich bitte meinen Schreibstil zu entschuldigen, denn ich lerne gerade neu zu schreiben. Mir fehlen viele Worte, bedingt durch die Aufarbeitung. Das Gedankenkino eines Opfers ist verwirrend.

Ich befinde mich im 54ten Lebensjahr. Ich bin 1954 geboren. Ich bin ein Kind aus der Natur, aufgewachsen in Kärnten. Mir wurde mein inneres Kind 1960 getötet als ich 6 Jahre alt war. Hier wurde auch zum ersten Mal mein Wille gebrochen und meine Persönlichkeit zerstört.

In dem ersten Schuljahr wurde ich zurückgestellt, weil ich dem Unterricht nicht folgen konnte. Dass meine ersten zwei Vergewaltigungen Schuld daran waren, wusste keiner. Wie den auch? Der Täter, nennen wir ihn Onkel Karl, hat mir ganz fürchterlich gedroht noch schlimmeres mit mir zu veranstalten, wenn ich über das rede was geschehen war. Ich hatte große, überdimensionale Angst und schwieg.

Irgendwie ist mein Zustand aufgefallen und das hatte zur Folge, dass die Frau von Onkel Karl, einen Blitzbesuch bei uns machte. Es ging zu wie bei Gericht. Meine Mutter und die Tante waren wie Richter und Anwalt. Sie machten mir entsetzliche Angst mit ihren Fragereien. Sie wollten wissen, ob Onkel Karl mit mir was gemacht hat, was er nicht machen durfte. Die Angst zu reden war ein wahnsinns Druck, den ich nicht aushalten konnte. Ich bin vor lauter Angst weggelaufen und habe mich hinter einen Stapel Bauholz versteckt. Meine Mutter und die Tante haben mich gesucht und nach mir gerufen, aber ich rührte mich nicht. Als es dunkel wurde, bin ich nach Hause gegangen. Die große Angst war mein Begleiter. Ich bin sofort ins Bett gegangen und hatte an diesem Tag keine Sprechstunde mehr. Auch später lies ich alle Fragen abblitzen.

Durch ein Telefonat bekam ich mit, dass Onkel Karl meine Cousine Inge auch vergewaltigen wollte. Ihre Eltern sind im richtigen Moment dazugekommen, so dass es „nur“ bei Handgreiflichkeiten blieb. Inge erzählte, dass sie ganz übel von Onkel Karl begrapscht wurde. Ob ihre Eltern eine Anzeige bei der Polizei machten weiß ich nicht.

Ich war traumatisiert und meine Kindheit kaputt. Ich fand heraus, dass ich am besten damit klar komme, indem ich das Geschehene verdränge. So fantasierte ich mir meine eigene Welt zurecht. Die Basis waren nur gute und liebe Wesen. Dabei spielte die gute Fee eine sehr große Rolle, sie war sogar überlebenswichtig.

In meinen Märchen war ich die gute Prinzessin, die allen missbrauchten und traurigen Menschen Gutes tat. Besonders half ich den Wesen, welche ganz übel seelisch verletzt wurden. In meinen Träumen konnte ich allen Wesen helfen und sie heilen.

Als ich sechzehn war, wurde ich von meinem Nachbarn, nennen wir ihn Hansi, vergewaltigt. Hier wurden wieder mein Wille und meine Persönlichkeit gebrochen. Ich musste mir wieder eine neue Identität erarbeiten. Die Vergewaltigung geschah Mitte Februar 1971. Das veranlasste mich, aus meiner Heimat wegzugehen.

Es begann ein neues Leben. Ich hatte schon viel Erfahrung im Verdrängen. Meine Seele schrie und tobte, aber ich hörte nicht hin. Mittlerweile war ich neunzehn Jahre alt und Mutter einer Tochter, die mein Wunschkind war. Die Jahre vergingen und ich hatte meinen Meister in der Verdrängung gemacht.

Ich war achtundzwanzig, als ich durch Heijü vergewaltigt wurde. Und, wie kann es auch anders nicht sein, verdrängte ich wieder. In mir tobte ein wahnsinns Seelenschmerz, den galt es zu beseitigen. Ich stürzte mich in die Arbeit um zu vergessen. Auch das habe ich geschafft. Das Verdrängungspotenzial wurde immer größer und besser. Ich lief im nächsten Jahrzehnt zur Höchstform auf. Das brachte mich beruflich weiter. Ich arbeitete bei einem Großhandelskonzern als Kundenberaterin und war in meinem Element. Da wurden meine Kindheitsträume wahr. Ich konnte durch meine Gespräche helfen und heilen und die Kunden dankten es mir mit Umsatzsteigerung.

Ich habe meinen E-Q ständig ausgebaut. Ich besaß auch eine große Eigenmotivation, die ich beruflich gut verwerten konnte. Ich habe mir wieder eine neue Persönlichkeit erarbeitet, die perfekt war. Mittlerweile hatte mich der Perfektionismus im Griff. Ich habe erreicht was ich wollte. Die Zeit verging und auf einmal war ich 45. Da machte meine Seele nicht mehr mit.

Es begann mit tierischen, brennenden Schmerzen im ganzen Körper. Es kam ein Arztbesuch nach dem anderen. Im Frühjahr 1999 brach mit Hurra und Knall die Fibromyalgie aus. Ich machte eine Akutphase nach der anderen durch. Die erste schwere Depression brach im Oktober 1999 aus mir heraus. Eine Krankmeldung jagte die andere. Ich pausierte mehrere Wochen und nahm durch eine Wiedereingliederung meine Arbeit wieder auf. Dann beschloss ich wieder Vollzeit zu arbeiten, um meine Belastungsgrenze zu testen. Das fand mein Abteilungsleiter gar nicht lustig und mobbte mich erfolgreich. Ich hatte keine Kraft dagegen zu gehen. Es folgte ein Kliniksaufenthalt nach dem anderen. Mittlerweile wurden weitere Diagnosen gestellt. Aus der Fibromyalgie wurde eine somatoforme Schmerzstörung, hinzu kam eine posttraumatische Belastungsstörung mit gravierenden Auswirkungen, schwere Depressionen mit besonders hartnäckigen Suizidgedanken, schwere Migräne und Diabetes. Dieses Leben wollte ich nicht und laborierte erst mal an der Oberfläche herum. Dabei wollte ich aber nicht zu tief in meine Seele blicken. Die Symptome der Erkrankung wurden schlimmer. Da gab es nur noch eine Möglichkeit, AUFARBEITEN. Ich begann das ganze Dilemma zögerlich und gepaart mit großer Angst. Das Rentenverfahren lief schon längere Zeit und machte mir große Existenzangst. Nach einem Widerspruch schaltete ich Deutschlands größten Sozialverband ein und lies mich von ihm beim Sozialgericht vertreten.

Zwischenzeitlich lebte ich vom Arbeitslosengeld, was ich nie wollte. Ich zog mit meinen Partner der Umstände halber nach Niederbayern. Ich brauchte für meinen weiteren Lebensweg Neuland. Auf wackligen Beinen ging es los. Neue Ärzte, neue Behandlungsmethoden und eine gute Fachklinik. Plötzlich war es 2003. Die Zeitrente habe ich mir erstritten, der Sozialverband war mir eine große Hilfe.

Frühjahr 2003 musste ich wieder in eine Fachklinik, weil sich Schmerzzustände und Depressionen sowie erhebliche Suizidgedanken verschlechterten. Ich wurde wieder mit meiner Belastungsgrenze konfrontiert und stellte fest, dass keine Lebensqualität, kein Lebensmut und kein Lebenswille vorhanden war. Der Seelenschmerz hat sich manifestiert und ist chronisch geworden. Aller Seelenschmerz in meinem Leben hat sich in meinem Körper versammelt und tobte sich täglich 24 Stunden lang aus. Jetzt musste ich meine Lebensstrategie unbedingt verändern. OK und wo fang ich an? Am besten in der Kindheit.

Endlich hatte ich eine Therapeutin gefunden mit der ich reden und stottern konnte. Die erste Therapiestunde war ein einziges Gestottere, von Angst und Panik begleitet. Aber ein Anfang war gemacht. Mit meiner Therapeutin hatte ich großes Glück. Ich habe immerhin 5 Jahre gesucht und gefunden. Ich habe meine Krankenkasse angerufen und mir wurde geholfen.

Es folgte erneut wieder eine Suizidphase. Lieber sterben als reden. Aus dieser Phase hat mir ein liebenswerter Kater geholfen. Boris war mein Lebensretter.

Es war im Oktober 2003. Da fasste ich allen Mut zusammen und erzählte meinem Partner, das ich ein Vergewaltigungsopfer bin und das gleich in mehrfacher Ausführung.

Ich habe jetzt 8 Jahre Aufarbeitung hinter mir und habe eine Situation erreicht, mit der ich leben kann. Ich habe mir wieder eine Persönlichkeit erarbeitet, darauf bin ich stolz. Ich bin eine Überlebende und ich bin bereit anderen Opfern zu helfen. Ich spüre mich wieder, meine Atmung, mein Herz und meine Seele. Der bis jetzt gegangene Weg hat mir sehr viel Stärke, Mut, Lebenswille, Lebensqualität und Lebensfreude gebracht. Davon möchte ich euch etwas abgeben. In der Aufarbeitung geht es enorm auf und ab. Das müsst ihr wissen. Was ist es für ein zufriedenes Gefühl, wenn ihr eine Phase nach der Anderen verarbeitet. Meine Seele hatte Selbstheilungsphasen eingeleitet. Das habe ich erreicht, weil ich die Aufarbeitung aus vollem Herzen betrieben habe. Ich bin bei mir angekommen. Ich bin einzigartig, wertvoll und liebenswert, so wie ihr alle miteinander. Ich schaffte es, weil ich es wollte.


ICH HABE ES GESCHAFFT.

17.12.2008

Schriftzug Momagi